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Auge in Auge mit dem Zuchteber

Walsroder Zeitung vom 03.06.2006:
Freiwilliges ökologisches Jahr auf dem Bauernhof ist mehr als Blumen pflanzen und Ökoessen.
Von unserem Gemeinderatskandidaten Claas Löppmann aus Borg.
Wasser und Lehm vermischen sich zu Matsch, eine Sau wühlt sich durch den Schlamm. Ihre Läufe sacken ein, mit der Schnauze tastet sie den Untergrund ab. Plötzlich bleibt sie stehen - ein Gummistiefel ist ihr im Weg. In dem Schuh stecke ich. Auch ich stehe bis zu den Waden im Modder. Warum? Ich mache gerade ein freiwilliges ökologisches Jahr (FöJ) in Holste bei Osterholz-Scharmbeck. Das Dörfchen liegt zwischen Bremen und Cuxhaven. Dort lebe und arbeite ich im Moment auf einem Schulbauernhof.
Aber der Reihe nach. Ich komme aus dem idyllischen Ort Borg bei Walsrode. Als ich Anfang 2005 vom FöJ erfuhr, war ich sofort begeistert und machte mich daran, Bewerbungen zu versenden. Ich war mir noch nicht sicher, was ich nach meinem Realschulabschluss tun wollte. Mir war nur klar, dass ich nicht gleich in die nächste Schule wechseln wollte. Aber ich wusste ganz sicher, dass ich ein Jahr lang Lebenserfahrungen sammeln und meine Grenzen erfahren wollte.
Als ich mich auf dem Schulbauernhof vorstellte, war mir sofort klar, dass ich diese 365 Tage hier verbringen möchte. Die Chemie zwischen mir und der Bauern-Familie stimmte auf Anhieb, die Umgebung ist traumhaft, die Tiere sehen glücklich aus, und es gibt jede Menge zu tun. Auf dem Bauernhof werden vom Aussterben bedrohte Haustierrassen gehalten - zum Beispiel das Bentheimer Schwein", das Bentheimer Schaf", das Exmoor Pony", das Vorwerk Huhn" und die Bronze Pute".
Am 1. September zog ich in mein neues Reich ein. Ein gemütlicher, grüner Bauwagen mit vier niedlichen Fenstern, einem Holzofen und einem großen, kuscheligen Bett. Und da waren sie dann auch schon - die ersten Grenzen, die ich zu testen hatte.
Kälteempfindlichkeit und kein Telefon für Notfälle. Auch wenn mein Wagen nicht weit vom Haus entfernt steht, war es in den ersten Nächten schon ein bisschen unheimlich, und ich hatte ein mulmiges Gefühl, so ganz ohne Schloss und Riegel vor der Tür. Kann das Ofenrohr verstopfen und können sich dann giftige Stoffe bilden? Kann es zu einem Kurzschluss an der Lampe kommen? Fragen, mit denen ich mich noch nie auseinandergesetzt hatte, gingen mir an meinem ersten Abend durch den Kopf.
Am nächsten Morgen stehe ich da: Arbeitsklamotten an, rein in die Stiefel und noch ein Mal tief durchgeatmet, denn vor mir liegen 365 Tage in völlig fremder Umgebung, mit neuen Leuten und einer großen Menge Neugier.
Gleich in der ersten Woche gilt es, 30 Grundschulkinder auf ihrer Klassenfahrt zu betreuen. Weil ich zwei Jahre in einem Jugendfreizeitzentrum als Betreuer mit Kindern zusammen gearbeitet hatte, habe ich kein großes Problem, mit ihnen klar zu kommen.
Wir machen Erlebniswanderungen - das sind keine von diesen üblichen Wanderungen, bei denen den Kindern nach kurzer Zeit langweilig ist, sondern actionreiche Ausflüge, auf denen wir Spuren lesen und nach Knochen, Geweihen und Steinen suchen. Wir erklären den Kindern, warum wir ohne Baumpilze nicht existieren würden (unsere Vorfahren trockneten sie und benutzten sie zum Feueranzünden); oder wie es eine Spinne schafft, ein zwei Meter langes Netz zwischen zwei Bäumen zu spannen (sie befestigt das eine Ende am Baum, wartet auf eine Windböe, und lässt sich von ihr zum nächsten Baum tragen). Kutschfahrten mit dem Exmoor Pony", das mit etwa 600 Exemplaren die bedrohteste Pferderasse der Welt ist, machen wir auch mit den Mädchen und Jungs - und noch vieles, vieles mehr.
Das Größte für die Kinder ist natürlich die Tierfütterung. Dabei sollen sie so viel wie möglich selbst übernehmen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie sich ein Stadtkind verhält, das noch nie vorher ein lebendiges Schwein gesehen hat und plötzlich selber eins mit Gerstenschrot, Quetschhafer und Wasser zu verpflegen hat. Als erstes stoßen sie meist ein lautes Üihh", Bäääh" oder ein schwer ironisches Lecker!" aus. Aber schon am nächsten Tag sieht es anders aus. Für viele ist es eine ganz neue Erfahrung, dass Tiere nicht nur fressen und schlafen können, sondern auch untereinander kommunizieren, spielen, kuscheln und sich beschützen.
Neben meinem Job als Kinderanimateur bin ich auch noch Geburtshelfer, Tierarzt und Tierpfleger, Schafhirte und Schweinebauer. Tiere haben mich schon immer fasziniert. Aber dass ich eines Tages mal verstorbene Kaninchenbabys beerdigen würde oder ohne Probleme in das Gehege eines 150 Kilogramm schweren Ebers gehen würde, hatte ich mir nicht träumen lassen.
Am schwersten fiel es mir bisher, wegen der Vogelgrippe das komplette Geflügel des Hofs einzufangen - und zu wissen, dass es geschlachtet werden muss. Die Angst der Eltern, die uns ihre Schützlinge anvertrauen, war groß, dass sich eins der Kinder infizieren konnte.
Mein persönliches Highlight war, bisher ganz klar der Neubau des Bauwagens meiner Kollegin. Vorher war es ein unansehnlicher, grauer, kalter Bauwagen aus einer dünnen, kaputten Metallwand. Jetzt ist es ein gut isoliertes, in mühsamer Arbeit verziertes, niedliches Zuhause in einer schwedenrot verzierten Holzverschalung mit einem Teppich, Stromanschluss und einem anschaulichen Schuhkasten. Natürlich alles Marke Eigenbau. Die Kasten, in die wir unsere Schuhe stellen; damit der Bauwagen drinnen nicht verdreckt, haben wir zu unserem Projekt gemacht, das innerhalb des Jahres durchgeführt werden sollte und dem vertraglich festgelegt 20 Prozent der Arbeitszeit zur Verfügung stehen. Nach vier Wochen, zehntausend Hammerschlägen, einer Menge Sagespäne, blauen Flecken, ein bisschen Blutverlust und tausender Umdrehungen der Bohrmaschine sind die Schuhkästen und der Bauwagen jetzt vorzeigbar - und wir beide ein riesiges Stück weiter, was die Lebenserfahrung betrifft.
Mit dem Naturschutzbund und fünf Schulklassen mit Jugendlichen im Alter von 13 bis 14 Jahren mussten wir einen Teil des nahegelegenen Teufelsmoors entkusseln. Das heißt, die bösen, bösen Birkensprösslinge" auszurupfen und größere Bäume zu fällen, damit sich das Moor besser entwickeln kann und ihm nicht ganz das Wasser von den Pflanzen entzogen wird. Ab und zu geht es dann auch mal härter zur Sache, und es werden bei Minusgraden die Motorsägen gestartet, Bäume abgeholzt, entastet und verladen. Muss man einfach mal gemacht haben: Im Schnee stehen, den eigenen Atem sehen; Holz schleppen, und trotzdem ist Dir angenehm warm.
Auf Seminaren, die absolut klasse sind, gibt es dann Erfahrungsaustausch mit anderen FöJ"-lern. Fünf Seminare begleiten mich über diese Zeit. So waren wir beispielsweise im ersten Seminar fünf Tage paddeln auf der mecklenburgischen Seenplatte. Frische, andere Teilnehmer des freiwilligen Jahrs, super Betreuer, coole Aktionen und gute Laune versüßen diese Kurse und machen Lust auf mehr Umwelt und Natur. Wir treffen uns auch außerhalb der Seminare gerne mal, um uns besser kennen zu lernen.
Noch dazu kommen 26 Urlaubstage im Jahr. Also keine Panik - Ihr sitzt nirgends fest und könnt immer mal wieder was anderes machen, wie zum Beispiel das Öki-glück": 14 Tage bei einer anderen Stelle.
Für viele klingt Freiwilliges ökologisches Jahr" sicherlich erstmal nach Blumen pflanzen, Ökoessen und Birkenstocksandalen. Ich will überhaupt nicht abstreiten, dass die Naturverbundenheit und der Respekt vor der Umwelt gefordert werden. Aber wenn man bedenkt, dass es auch Stellen wie die Vogelwarte Helgoland, das Nationalparkzentrum Cuxhaven, das Europahaus Aurich und ein Forstamt in Wolfenbüttel oder in Uelzen gibt, verflüchtigt sich dieses Vorurteil. Man kann also wirklich nicht behaupten, dass das FöJ nur was für Öko-Freaks in Birkenstocklatschen ist.
Ich kann jedenfalls jedem empfehlen, so ein Freiwilliges ökologisches Jahr zu absolvieren. Denn trotz des Lohns von nur 155 Euro im Monat ist das, was Ihr mitnehmt, unbezahlbar. So viel Selbstständigkeit, Organisationstalent und Wissen lernt Ihr echt in keiner Schule. Tauscht doch einfach mal Theorie gegen Praxis. Ich hab's gemacht und werde es nie vergessen, denn es ist und war das beste Jahr meines Lebens.
Vor allem weiß ich jetzt ganz genau, was ich danach vorhabe: Ich will die Berufsfachschule Sozialpflege besuchen, um Sozialpädagoge zu werden und alles über den Fachbereich Erlebnispädagogik zu erfahren. Außerdem kandidiere ich für den Gemeinderat meiner Kommune und werde mich, sollte ich einen Mandatsplatz bekommen, auf regionaler Ebene für Umweltschutz und Familienpolitik engagieren. Und ich bin sehr gespannt, was mich der Rest des Jahres noch so alles lehrt und wie es mich noch weiterbringt.
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